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Full text of "Neue Erkenntnisse zur Entstehung des Nordhäuser Urkundenbuchs"

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Beiträge zur Geschichte 
aus Stadt und Kreis 
Nordhausen 


35. Band /2010 



Die östliche Abschleppung des 
Daches steht im Zusammenhang mit 
einem Erweiterungsbau. Dieser ver¬ 
breiterte nur zwei Jahre nach dem 
Abbund des Hauptdaches den ge¬ 
samten Bau um etwa ein Drittel nach 
Ost. Vier der in Primärverbauung sit¬ 
zenden Aufliegersparren konnten ei¬ 
ner entsprechenden Schlagphase von 
1475/76 (d) zugewiesen werden. Zu 
dem Erweiterungsbau gehören mit 
großer Wahrscheinlichkeit auch die 
beiden mittig stehenden Stühle im 
ersten und zweiten Dachgeschoss 
des Hauptdaches. 

Ebenfalls im Holzeinschlagwinter 
1472/73 (d), also gemeinsam mit den 
Fichten des Hauptdaches wurden die 
Stämme der profilierten Holzdecke 
des großen quadratischen Raumes 
im ersten Obergeschoss gewonnen. 
Ihr Holzalter beträgt zwischen 41 und 
72 Jahren. Im Unterschied zu den ge¬ 
beilten Hölzern des Daches wurden 
diese zu Halbhölzern gesägt und an 
der raumzugewandten Unterseite 
mit einem Zierprofil versehen. Mittig 
wird die Decke von einem Überzug 
überspannt, an welchem die Halb¬ 
stämme der Decke mittels eiserner 
Bolzen, deren Köpfe als runde Platte ausgeschmiedet sind, befestigt sind. Umlaufend wird 
die Holzdecke von einem großdimensionierten Balkenkranz getragen. 

In zwei freigelegten Bereichen war erkennbar, dass dieser ursprünglich ebenfalls eine aus 
Platten, Kehlen und Wülsten bestehende Zierprofilierung trug. An der Unterseite ist eine ca. 
2 cm breite, 3 cm tiefe Nut ausgearbeitet. Sie trug ursprünglich eine hölzerne Wandkon¬ 
struktion, welche mit einer angearbeiteten Feder in den Balkenkranz eingelassen war. Dieser 
Befund belegt zweifelsfrei, dass der holzgedeckte Raum in seinen Umfassungswänden 
ursprünglich ebenfalls in Holz konstruiert war. Es handelt sich um eine Bohlenstube. Im Ana¬ 
logieschluss zu vergleichbaren Holzräumen in Stolberg/Harz (z. B. Rittergasse II, 1492 [d]) 
oder Sangerhausen (z. B. Markt 6), wird vermutet, dass es sich um eine Stube in Stabboh¬ 
lenbauweise handelte. Als rauchfreier, beheizbarer Raum bildete sie den wohnlichsten und 
zugleich repräsentativsten Raum des Hauses. Die Stube im Haus Barfüßer Straße 6 kann 
als eines der ältesten überlieferten Beispiele dieses Bautyps im Südharz gelten. Sie besitzt 
für Nordhausen als Beleg spätmittelalterlicher Wohnkultur eine herausragende kultur- und 
kunsthistorische Bedeutung. 


Michael Kruppe 

Neue Erkenntnisse zur Entstehung des Nordhäuser 
Urkundenbuchs 

ln der Zeit von 1936 bis 1939 veröffentlichte das Stadtarchiv Nordhausen sein zweibändiges 
Urkundenbuch und machte damit den größten Teil des Nordhäuser Urkundenbestandes, 
welcher sich damals im hiesigen Stadtarchiv befunden hatte, der Wissenschaft und Forschung 
zugänglich. Der kleinere Teil, nämlich 10 Urkunden über die Reichsstadt aus der Zeit von 
1327 bis 1715 sowie 14 Urkunden über Klöster, Stifter, Kirchen und Kapellen aus der Zeit von 
1337 bis 1735, wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts angeblich aus konservatorischen Grün¬ 
den in Magdeburg aufbewahrt. Diese Archivalien befinden sich heute im Landeshauptarchiv 
Sachsen-Anhalt im Bestand „Rep. U 17“, zu dem auch 29 Mühlhäuser Urkunden gehören. 1 

Bereits im 18. und 19. Jahrhundert hatten Friedrich Christian Lesser und Ernst-Günther 
Förstemann einzelne Nordhäuser Urkunden publiziert; ein Gesamtwerk wie das von Günter 
Linke oder Gerhard Meißner kam jedoch lange nicht zustande. Wie wir aus den beiden Vor¬ 
worten des Nordhäuser Urkundenbuches erfahren, sollte der zweite Band ursprünglich die 
päpstlichen Urkunden beinhalten und von Dr. Gerhard Naumann bearbeitet werden. 2 Dieses 
Vorhaben wurde jedoch auf Eis gelegt und stattdessen der Historiker Dr. Gerhard Meißner 
mit der Bearbeitung der Urkunden von Fürsten, Grafen, Herren und Städten beauftragt. Ihm 
zufolge wurde auf die Abteilung „Päpstliche Urkunden“ deshalb verzichtet, da er meinte, mit 
seiner Dissertation über das Kriegswesen der Reichsstadt Nordhausen 3 „ein für die Stadt¬ 
geschichte näher liegendes Gebiet“ tangiert zu haben. 4 Sowohl die beiden veröffentlichten 
Bände als auch die geplante Abteilung „Päpstliche Urkunden“ waren jedoch nur eine Verle¬ 
genheitslösung, denn sie machten die ursprüngliche Konzeption fast völlig zunichte. 

Der Thüringisch-Sächsische Altertumsverein, welcher 1819 in Naumburg gegründet wor¬ 
den war, hatte lange vor der Reichsgründung von 1870/71 den Entschluss gefasst, das be¬ 
deutendste Schriftgut, welches sich auf dem Territorium der 1815 entstandenen Provinz 
Sachsen befand, systematisch zu erschließen und der Öffentlichkeit „in handlicher Form mit 
anspruchlosen deutschen Erläuterungen“ anstatt „in der schwerfällig prunkenden Form der 
Monumente mit ihren lateinischen Noten“ zugänglich zu machen. 5 Dies war die Geburtsstun¬ 
de eines Forschungsprojekts, welches den Namen „Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 
und angrenzender Gebiete“ trug. Wie Prof. Dr. Ernst Dümmler, der Vizepräsident des Thü¬ 
ringisch-Sächsischen Altertumsvereins, im Vorwort des ersten Bandes selbst einräumte, galt 
bereits der Titel der Reihe als höchst umstritten, denn bei der Provinz Sachsen, bestehend 
aus den Regierungsbezirken Magdeburg, Merseburg und Erfurt, handelte es sich ihm zufolge 
um eine aus „verschiedenen Gebietstheilen zusammengeschweisste Schöpfung“. 6 Dass man 
sich dennoch für die besagte Namensgebung entschloss, lag an der Territorialzugehörigkeit 
von Erfurt, Jena, Halle und Co. 

Bereits im Jahre 1870 erschien der erste Band der „Geschichtsquellen der Provinz Sach¬ 
sen und angrenzender Gebiete“ unter dem Titel „Erfurter Denkmäler“, welcher laut Dümmler 
als Probe angedacht war. Trotzdem sollte die Edition auch andere Geschichtsvereine dazu 
animieren, sich dem „gemeinnützig anzuerkennendejn] Unternehmen“ anzuschließen und 
so zu verhindern helfen, dass „Vereinzeltes und Zersplittertes“ zu Tage gefördert werde. 7 Zwar 



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folgten 1873 das „Urkundenbuch der Stadt Quedlinburg“ und 1874 aas „Urkundenbuch der 
ehemals freien Reichsstadt Mühlhausen in Thüringen“ als zweiter und dritter Band der Reihe, 
doch die Geschichtsvereine in der Provinz Sachsen stießen sehr schnell an ihre Grenzen. 


Geschichtsvereine in der Provinz Sachsen von 1819 bis 1900 


Name des Vereins 

Gründ¬ 

ungsjahr 

Vereinssitz 

„Thüringisch-Sächsischer Verein zur Erforschung des vater¬ 
ländischen Altertums und Erhaltung seiner Denkmale“ 

1819 

Halle 8 

„Vogtländischer altertumsforschender Verein“ 

1825 

Hohenleuben 

„Hennebergischer altertumsforschender Verein“ 

1832 

Meiningen 

„Altertumsforschender Verein des Osterlandes“ 

1838 

Altenburg 

„Gesamtverein der deutschen Geschichts- und 
Altertums-Vereine“ 

1852 

Altenburg 9 

„Verein für Thüringische Geschichte und Altertumskunde“ 

1852 

Jena 

„Verein für Geschichte und .Altertumskunde von Erfurt“ 

1863 

Erfurt 

„Verein für Geschichte und Altertümer der Grafschaft Mansfeld“ 

1864 

Eisleben 

„Verein für Geschichte und Altertumskunde des Herzogtums 
und Erzstifts Magdeburg 

1865 

Magdeburg 

„Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde“ 

1868 

Wernigerode 

„Nordhäuser Geschichts- und Altertums-Verein“ 

1870 

Nordhausen 

„Verein für Hennebergische Geschichte und Landeskunde“ 

1873 

Schmalkalden 

„Verein für Anhaitische Geschichte und Altertumskunde“ 

1875 

Dessau 

„Verein für Reformationsgeschichte“ 

1883 

Magdeburg 

„Verein für Anhaitische Landeskunde“ 

1890 

Köthen 

„Verein für Gothaische Geschichte und Altertumsforschung“ 

1895 

Gotha 

„Altertumsverein für Mühlhausen in Thüringen und Umgebung“ 

1899 

Mühlhausen 


Wie man aus der obigen Tabelle entnehmen kann, gab es zwischen 1819 und 1900 zwar 
eine Vielzahl von Geschichtsvereinen in der Provinz Sachsen, für die Fortführung und Finan¬ 
zierung des Editionsprojekts „Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender 
Gebiete“ reichten diese jedoch bei Weitem nicht aus. Daher war es zwingend erforderlich, eine 


den Vereinen übergeordnete Institution zu schaffen, welche die einzelnen Quelleneditionen 
koordinieren, wissenschaftlich betreuen und entsprechende Geldmittel bereitstellen sollte. 
So kam es 1876 zur Gründung der „Historischen Kommission der Provinz Sachsen“ mit Sitz 
in Magdeburg. Der eigentliche Kopf der Kommission war der Magdeburger Provinzialarchivar 
Dr. Johann George Adalbert von Mülverstedt, welcher unter anderem dafür gesorgt hatte, dass 
1867 in Mühlhausen erstmals die Stelle eines wissenschaftlichen Archivars eingerichtet wurde. 
Ohne Mülverstedts Bemühungen wären wahrscheinlich fast sämtliche Editionsvorhaben ab 
1876 in der Provinz Sachsen gescheitert, da es oftmals an geeigneten Rahmenbedingungen 
wie der Schaffung hauptamtlicher Archivstellen in den jeweiligen Stadtarchiven der Provinz 
mangelte. Unter seiner Führung setzte die Historische Kommission das Forschungsprojekt 
zunächst in Zusammenarbeit mit den Geschichtsvereinen fort, ehe sie später als Allein¬ 
herausgeber der Reihe auftrat. Bis 1923 wurden so 49 Bände veröffentlicht. 

Auch die Nordhäuser Urkunden rückten seit den Arbeiten von Ernst-Günther Förstemann 
ins Blickfeld der Historischen Kommission, mit der Folge, dass ein Urkundenbuch für die Reihe 
„Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete“ erarbeitet werden sollte. 
Trotz großer Fortschritte scheiterte das Vorhaben aber in den nächsten Jahrzehnten, was vor 
allem an der hohen Personalfluktuation, diverser Kompetenzstreitigkeiten und den finanziel¬ 
len Rahmenbedingungen lag. 10 Der Realgymnasiallehrer Dr. Richard Rackwitz sowie der Volks¬ 
schullehrer Karl Meyer waren die Ersten, denen die Historische Kommission um das Jahr 1885 
die Bearbeitung des Nordhäuser Urkundenbuches anvertraut und entsprechende Geldmittel 
bereitgestellt hatte. 11 Laut einem Beitrag von Karl Meyer in der Nordhäuser Zeitung vom 25. 
Mai 1893 wurden bis dahin fast 600 Diplome editorisch aufbereitet, was, falls die Angaben 
stimmen sollten, eine beeindruckende wissenschaftliche Leistung darstellte. Diese Arbeit geriet 
allerdings völlig in den Hintergrund, denn Rackwitz und Meyer befanden sich in einem jahre¬ 
langen Streit mit der Stadt Nordhausen wegen der Besetzung des Archivs. Karl Meyer hatte 
sich selbst um eine Anstellung als Stadtarchivar beworben, wurde vom Magistrat jedoch ab¬ 
gewiesen. Stattdessen vertraute man dem Gymnasiallehrer Dr. Max Heyse nach dem Tod des 
Gymnasialprofessors Dr. Theodor Perschmann im August 1887 die Leitung des Archivs an. 12 
Heyse bemühte sich sehr, fiel jedoch so wohl bei der Stadt Nordhausen als auch bei Dr. von 
Mülverstedt, dem Vertreter der Historischen Kommission, in Ungnade und wurde mit dem 
Schreiben vom 09. Juni 1890 als Stadtarchivar abgesetzt. An seine Stelle traten der ehema¬ 
lige Brennereibesitzer und Museumsleiter Hermann Arnold sowie der Brennereibesitzer Paul 
Oßwald. Letzterer verpflichtete sich, für die nächsten drei Jahre unentgeltlich im Archiv zu ar¬ 
beiten und wurde daraufhin zum Stadtarchivar ernannt. 13 Paul Oßwald begann sofort damit, 
den von Ernst-Günther Förstemann aufgezeichneten Urkundenbestand nutzbar zu machen, 
starb allerdings bereits am 06. Mai 1893, so dass an eine weitere Bearbeitung des Nordhäu¬ 
ser Urkundenbuches nicht zu denken war. Nachdem der Nordhäuser Magistrat Karl Meyer als 
Stadtarchivar erneut abgelehnt hatte, wurde der Mittelschullehrer Hermann Heineck zum 
Nachfolger von Paul Oßwald ernannt. Dieser hatte bereits als freiwilliger Helfer unter Dr. Theo¬ 
dor Perschmann im Museum mitgearbeitet und unterstand nun dem Museumsleiter Hermann 
Arnold. Nachdem Arnold im Jahre 1900 aus dem Dienst ausgeschieden war, hatte Hermann 
Heineck freie Hand im Archiv und konnte sich nun seinen eigenen Interessen widmen. Zu die¬ 
sen gehörten die Ergänzung der Urkundenregesten und die Vorarbeiten zum Nordhäuser 
Urkundenbuch. 14 Man könnte meinen, dass mit Hermann Heineck endlich eine Ideallösung 
für das Zustandekommen des alten Vorhabens gefunden schien, die Archivalien der Südharz¬ 
stadt in der Reihe „Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete“ zu 


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veröffentlichen, denn Heineck war nicht nur Stadtarchivar, sondern auch ein Vertreter des 
1870 gegründeten „Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins“, weicher laut Satzung ein 
„Zweigverein des Harz-Vereins für Geschichte und Altertumskunde“ sein sollte. 15 Aber so wohl 
einzelne Vertreter der Historischen Kommission als auch die Verantwortlichen im Nordhäuser 
Rathaus hatten in dieser Frage andere Vorstellungen. 

Wie wir aus einem bisher unveröffentlichten Brief eines Göttinger Wissenschaftlers namens 
Köhler an den renommierten Göttinger Germanisten Edward Schröder vom 22. September 
1907 erfahren, wollte der Wernigeröder Archivrat Dr. Eduard Jacobs, ein einflussreicher Ver¬ 
treter der Historische Kommission der Provinz Sachsen und Vorstandsmitglied des Harz-Vereins, 
den damaligen Archivaspiranten Dr. Hans von Wurmb aus Großfurra in Thüringen als Bear¬ 
beiter für das Nordhäuser Urkundenbuch in der Reihe „Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 
und angrenzender Gebiete“ gewinnen; es wurde diesem sogar regelrecht auf dem Silberta¬ 
blett angeboten. 16 In jenem Schreiben, welches hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich 
gemacht werden soll, wird zum einen die von Hermann Heineck aufgestellte Behauptung, er 
habe von der Historischen Kommission einen Auftrag zur Bearbeitung des Urkundenbuchs 
erhalten, bestritten und im Hinblick auf das hiesige Stadtarchiv betont, „daß neben dem Erfurter 
das Nordhäuser das best geordnete der Provinz wäre “." Für dessen Archivar Hermann Heineck 
sah der Autor des Schreibens dagegen nur eine unterstützende Rolle vor, obwohl Heinecks 
Wunsch, an vier Nachmittagen in der Woche vom Schuldienst befreit zu werden, um in dieser 
Zeit am Urkundenbuch weiter zu arbeiten, vom Magdeburger Archivdirektor Georg Winter 
ausdrücklich unterstützt worden sei. Zwar ist davon auszugehen, dass Hermann Heineck 
vom Inhalt des Briefes an Edward Schröder nie erfahren hat, jedoch waren ihm die ständi¬ 
gen Personaldiskussionen um das Editionsprojekt mit Sicherheit nicht entgangen. 

Offen bleibt dabei vor allem die Frage, nach welchen Kriterien die Bearbeiter für das Urkun¬ 
denbuch ausgewählt wurden, denn eine entsprechende Richtlinie der Historischen Kommis¬ 
sion ist nicht bekannt. Feststellen lässt sich jedenfalls nur, dass fast alle Bearbeiter der Reihe 
„Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete“ studierte Historiker 
bzw. Archivare waren und zudem noch eine Promotion vorweisen konnten. Quereinsteiger 
oder Heimatforscher wie Hermann Heineck hatten deshalb vermutlich keine Chance, als Be¬ 
arbeiter in Frage zu kommen. Da spielte es auch keine Rolle, ob sie sich bereits jahrelang 
ehrenamtlich dieser Aufgabe gewidmet hatten. Es ist anzunehmen, dass man von Seiten der 
Historischen Kommission Editionen von minderwertiger Qualität verhindern wollte, was mit 
Blick auf die Anfangsphase der Reihe jedoch grotesk anmutet. Gerade unter dem maßgeb¬ 
lichen Einfluss des Wernigeröder Archivars Dr. Eduard Jacobs waren nämlich die ersten Bände 
im Eiltempo fertig gestellt worden; diese wiesen teilweise keine wissenschaftliche Systematik 
auf 18 und bedienten sich sehr eifrig bei Geschichtsschreibern wie Paul Jovius oder Johann 
Georg Leuckfeld. Dabei muss auch erwähnt werden, dass Eduard Jacobs selbst drei Bände 
dazu beigesteuert hatte. Folglich gab es für die Ablehnung von Hermann Heineck als Bearbei¬ 
ter des Nordhäuser Urkundenbuchs keine plausible Begründung. Nach dem jetzigen Kennt¬ 
nisstand muss man davon ausgehen, dass es der Historischen Kommission in erster Linie ums 
eigene Prestige gegangen ist, denn auch der Nordhäuser Geschichts- und Altertumsver¬ 
ein wurde bei dem Projekt völlig übergangen. Dabei waren es doch die Geschichtsvereine 
selbst gewesen, welche die Editionsreihe „Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und an¬ 
grenzender Gebiete“ erst initiiert hatten. Es ist bezeichnend, dass der Archivaspirant Hans von 
Wurmb trotz der Führsprache von Eduard Jacobs eine Berufung nach Nordhausen abgelehnt 
hatte und man bis zum Tod von Hermann Heineck am 06. Dezember 1930 nicht in der Lage 


war, einen adäquaten Ersatz zu finden. Damit war das Nordhäuser Urkundenbuch selbst nach 
einem über 40 Jahre andauernden intensiven Diskussionsprozess immer noch nicht realisiert 
und es sollten noch sechs weitere Jahre vergehen, bis Günter Linke erstmals nennenswerte 
Ergebnisse präsentieren konnte. 

Anhang 

Schreiben von N. N. Köhler an Edward Schröder. - Rittergut Ascherode bei Sollstedt (Hal¬ 
lekasseler Eisenbahn), 22. September 1907 

Quelle: Niedersächsische Staats - und Universitätsbibliothek Göttingen, Abteilung Hand¬ 
schriften und Alte Drucke, Cod. Ms. E. Schröder 1411: 349 -351, fol. 349/1 f. 

Hochgelehrter Herr Geheimrat und Professor! 

Der Inhalt Ihres geschätzten Briefes vom 3. d. M. hat mich außerordentlich interessiert und 
möchte ich Ihnen noch besonders dafür danken, gleichzeitig aber auch bitten, etwaiges wei¬ 
teres Vorkommen des namens Ascoz, auch im 11. Jahrhundert, gütigst zu notieren und mir 
gelegentlich mitzuteilen. In meinen hier zur Verfügung stehenden nord- und mitteldeutschen 
Urkunden, die allerdings nur ein geringer Bruchteil des Gesamtbestandes der Wissenschaft sind, 
finde ich den Namen nicht; in Dronkes traditiones Fuldense nur einmal „Asco“ vor (Nr. 648 
von 901 Mai 5.), der aber nach ihren Angaben wegen des fehlenden z wohl anders zu deuten 
wäre. Anbei sende ich einen leider mißlungenen Abzug der ältesten im Nordhäuser Archiv 
befindlichen Urkunde mit einem Ascozerod; die Form ist die gleiche wie in allen ähnlichen älte¬ 
ren Nordhäuser Urkunden, während die Walkenrieder, zum teil älteren Urkunden überwiegend 
Ascoceroth und ähnlich schreiben, so Walk. Urkundenbuch Nr. 163, 164, 180, 188, 221 ff. 
Herrn Archivrat Zimmermann habe ich gebeten, einmal zu prüfen, ob nicht Lesefehler Gro- 
tefends vorliegen. 

Nun aber zu dem Nordhäuser Archive! Die Sache hat sich etwas verschoben, indem nicht 
die Ordnung, sondern die Verwertung und Veröffentlichung der Nordhäuser Urkunden die 
Hauptsache ist. In den letzten Monaten habe ich eifrig in allen Teilen der mittelalterlichen Ur¬ 
kunden gearbeitet und gefunden, daß man heute vielleicht anders ordnen und die Reperto¬ 
rien zum Teil verbessern und ergänzen würde; aber man kann doch einen leidlichen Ueberblick 
gewinnen. Herr Archivdirektor Winter' 9 aus Magdeburg hat unlängst die Archive der Gegend 
revidiert und nach Angabe des Oberbürgermeisters Dr. Contag 20 erklärt, daß neben dem Er¬ 
furter das Nordhäuser das best geordnete der Provinz wäre; außerdem hat er den Wunsch des 
Stadtarchivars, Mittelschullehrer Heineck, unterstützt, der 4 Nachmittage in der Woche vom 
Unterricht befreit sein möchte und in dieser Zeit auf dem Archive am Urkundenbuche arbeiten 
wollte. Andererseits hat Herr Archivrat Jacobs 21 in Wernigerode einen jungen Archivaspi¬ 
ranten, Herrn Dr. von Wurmb 22 aus Großfurra (hiesiger Gegend) für die Arbeit empfohlen und 
bestreitet, daß Herr Heineck, wie dieser angibt, früher von der historischen Kommission der 
Provinz Sachsen einen Auftrag zur Herstellung des Nordhäuser Urkundenbuchs erhalten habe. 
Herr Oberbürgermeister C. ist unter diesen Umständen noch nicht an Magistrat und Stadt¬ 
verordnete wegen Bewilligung von Mitteln herangetreten, neigt persönlich zur Annahme eines 
Herrn, der sich ausschließlich mit der Arbeit beschäftigte. Darin habe ich ihn bekräftigt, indem 
ich auf das Nebenamtsbeispiel des Professors Dr. Jaeger 23 mit seinem Eichsfeider Urkunden¬ 
buch hinwies und für einen ständig beschäftigten Herrn nach meinen jetzt gewonnenen Kennt- 


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nissen die Arbeit auf 2 volle Jahre bemaß; außerdem habe ich die Notwendigkeit umfassen¬ 
der sprachlicher, volkswirtschaftlicher und rechtsgeschichtlicher sowie allgemein historischer 
Kenntnisse und von Reisen nach fremden Archiven betont. Unter diesen Umständen dürfte 
neben vorläufiger Sondierung nach geeigneten Kräften, falls Dr. von Wurmb inzwischen ander- 
weit sich binden sollte, vorerst abzuwarten sein, wie die Nordhäuser Stadtväter sich entschlie¬ 
ßen werden. Jedenfalls wollte ich nicht unterlassen, Sie von diesen Wandlungen in der Ent¬ 
wicklung der Sache zu benachrichtigen, indem ich hoffe, im Oktober, wo wir nach Göttingen 
zurückkehren, mehr mitteilen zu können. 

Mit angelegentlichen Empfehlungen von Haus zu Haus habe ich die Ehre in größter Hoch¬ 
achtung zu zeichnen als Euer Hochwohlgeboren [Ihr ergebenster Köhler], 


Literatur und Quellen: 

1 Gesamtübersicht über die Bestände des Landeshauptarchivs Magdeburg (Quellen zur Geschichte Sachsen- 
Anhalts, Bd. 1), bearbeitet von Berent Schwineköper, Bd. 1, Halle 1954, S. 46. 

2 Nordhäuser Urkundenbuch, Teil 1: Die kaiserlichen und königlichen Urkunden des Archivs. 1158-1793, 
bearbeitet von Günter Linke, hrsg. v. Archiv der Stadt Nordhausen, Nordhausen 1936, S. 4; Urkundenbuch 
der Reichsstadt Nordhausen, Teil 2: Urkunden von Fürsten, Grafen, Herren und Städten. 1267 - 1703, 
bearbeitet von Gerhard Meißner, hrsg. v. Archiv der Stadt Nordhausen, Nordhausen 1939, S. 2. 

3 Meißner, Gerhard, Das Kriegswesen der Reichsstadt Nordhausen. 1290 - 1803, Berlin 1939 (Diss.). 

4 UB Nordhausen, Bd. 2, S. 2. 

5 Erfurter Denkmäler (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, Bd. 1), hrsg. v. 
Thüringisch-Sächsischen Altertumsverein zu Halle, Halle 1870, S. V. 

6 Ebenda. 

7 Erfurter Denkmäler, S. VII. 

8 Zeitweise mit Sitz in Halle und Nordhausen. 

9 Ab 1858 in Altenburg. 

10 Siehe hierzu: Müller, R. H. Walther, Geschichte des Nordhäuser Stadtarchivs (Schriftenreihe Heimatge¬ 
schichtlicher Forschungen des Stadtarchivs Nordhausen/Harz, Bd. 2), Nordhausen 1953, S. 19 - 30. 

11 Müller, R. H. Walther, Geschichte des Nordhäuser Stadtarchivs (Schriftenreihe Heimatgeschichtlicher For¬ 
schungen des Stadtarchivs Nordhausen/Harz, Bd. 2), Nordhausen 1953, S. 19. 

12 Müller, Geschichte des Nordhäuser Stadtarchivs, S. 20. 

13 Müller, Geschichte des Nordhäuser Stadtarchivs, S. 22. 

14 Müller, Geschichte des Nordhäuser Stadtarchivs, S. 27. 

15 Heineck, Hermann, Aus der Chronik des Vereins, in: Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des Nordhäuser 
Geschichts- und Altertumsvereins, Nordhausen 1920, S. 146- 178, hierS. 160. 

16 Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Abteilung Handschriften und Alte Drucke, Cod. Ms. 
E. Schröder 1411: 349 - 351, fol. 349/1 f. 

17 Ebenda. 

18 Vgl. Zöllner, Walter, Urkundenpublikationen zur Geschichte der Region Halberstadt/Wernigerode, in: Sachsen 
und Anhalt, Bd. 24, Köln 2003, S. 103 - 108; hier S. 103. 

19 Georg Winter. 

20 Carl Contag. 

21 Eduard Jacobs. 

22 Hans von Wurmb. 

23 Julius Jaeger. 


Paul Lauerwald und Peter-Michael Sukalla 

Der Münzschatzfund zwischen der früheren Krämer¬ 
straße 14 und 15 bei der Marktkirche St. Nikolai in 
Nordhausen 

1. Vorbemerkungen 

Im Zusammenhang mit der beabsichtigten Wiederbebauung des Geländes nördlich des 
Nordhäuser Rathauses machten sich archäologische Untersuchungen erforderlich. Hier stand 
ehemals die damalige evangelische Hauptkirche St, Nikolai und andere Wohngebäude, die 
in den verheerenden Bombenangriffen am 3. und 4. April 1945 total zerstört wurden. Auch 
das südlich davon stehende Rathaus war an diesen Bombentagen schwer zerstört, jedoch 
in den ersten Jahren nach diesem Kriege wieder aufgebaut worden. In der Ausgrabungsflä¬ 
che befand sich auch die Südseite der früheren Krämerstraße. Bei diesem Gebiet handelt 
es sich um einen Siedlungsschwerpunkt der ehemaligen Freien Reichsstadt Nordhausen, 
sodass man sich von den archäologischen Grabungen weitere Aufschlüsse für die Siedlungs¬ 
geschichte Nordhausens versprechen konnte, nicht nur für die Stadtstruktur vor der Zerstö¬ 
rung durch englische Bomberkräfte Anfang April 1945. Immerhin ist dieses Terrain und insbe¬ 
sondere auch die Nikolaikirche von den großen Stadtbränden in den Jahren 1612,1710 und 
1712 stark betroffen gewesen. 1 So konnte man von den Ausgrabungen vielfältige Erkenntnisse 
für die Vorgängerbauten der Kirche und der anderen auf der Grabungsfläche ehemals befind¬ 
lichen Anlagen und Bauten erwarten. 

An dieser Stelle soll jedoch keine zusammenfassende Bewertung der Ausgrabungen und 
ihrer Befunde erfolgen. Es soll lediglich der bei dieser Gelegenheit entdeckte Münzschatzfund 
vorgestellt und beschrieben werden. Unter einem Münzschatz versteht man in der Numis¬ 
matik eine aus der Zirkulation zur Hortung herausgezogene größere Anzahl von Münzen, ins¬ 
besondere Gold- und Silbermünzen, die verborgen und deren Besitzer und Verberger aus 
unterschiedlichsten Gründen nicht dazu gekommen ist, seinen verborgenen Schatz wieder 
zu heben und die verborgenen Münzen der Zirkulation wieder zuzuführen. Da „größere An¬ 
zahl“ ein unbestimmter Begriff ist, betrachtet man als Schatz drei und mehr Münzen, die aber 
einen gemeinsamen Bestand bilden. 2 Das wird insbesondere durch ihre Verbergung in einem 
gemeinsamen Behältnis, Gefäß o. ä. deutlich. Fundmassen, die durch zahlreiche Einzelfunde 
an einem zusammengehörigen Platz gebildet werden, nennt man dagegen Streufunde. Die 
einzelnen Fundmünzen haben keinen unmittelbaren Zusammenhang zueinander. So bilden 
die bei den Ausgrabungen im Bereich des Innenraums der ehemaligen Nikolaikirche gefun¬ 
denen Münzen im vorgenannten Sinne keinen Schatz, sondern Streufunde. Sie sollen später 
ausführlich behandelt werden. Es soll noch einmal besonders hervorgehoben werden, dass für 
die Festlegung, ob es sich um einen Schatzfund handelt, die Zahl der Fundmünzen und ihr 
innerer Zusammenhang, ihre Zusammengehörigkeit, die entscheidende Rolle spielen. Der reale 
Wert des Fundes, der Sachverhalt, ob es sich nach heutigen Begriffen um einen tatsächli¬ 
chen „Schatz“ handelt, oder die Zusammensetzung des Fundes nur aus Gold- oder grö¬ 
ßeren und mittleren Silbermünzen, etwa Taler und Mehrfachtaler oder Talerteilstücke bis zum 
1/6 Taler hinab, spielen dafür keine Rolle. Materiell muss ein Schatzfund keinen großen realen 


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